

Vor ein paar Tagen habe ich eine Flasche 2006 Chateau Pontet-Canet aufgemacht, den Wein eines „fünftrangigen“ Bordeaux-Chateau (fünftrangig bedeutet in diesem Fall aber immer noch, dass er nominell zu den 61 besten Bordeaux gehört). Der Wein war ein Erlebnis. Blaubeeren, dunkle Schokolade, schwarzer Pfeffer, exotisches Holz im Bouquet, am Gaumen samtige Fülle mit viel weichem, würzigen Tannin. Für einen, der kraftvolle, dunkle Weine liebt, war dieser Tropfen wie eine Offenbarung. Das Einzige, was man gegen ihn einwenden könnte: dass er im Moment noch zu jung ist, um genossen zu werden.
Mit meiner Begeisterung für Pontet-Canet bin ich offensichtlich nicht alleine. Der Wein ist eine Art everybody’s darling für Bordeaux-Liebhaber. Das Chateau, das 1975 von der Familie Tesseron, Besitzern der gleichnamigen Cognac-Marke, erworben wurde und jahrzehntelang ein Mauerblümchendasein fristete, hat in den letzten Jahren plötzlich einen atemberaubenden qualitativen Aufstieg erlebt. Vom gemeinen Bordeaux-Freak bis zum berühmten Weinkritiker zögert kaum ein ehrlicher Verkoster, dem Wein große Klasse zu attestieren. Die Bewertungen der Experten reichten in den letzten Jahren bis zu 98 Punkten (von maximal 100). Der amerikanische Weinpapst Robert Parker hat dem 2006er Jahrgang, der in Bordeaux als mittelmäßig gilt, immerhin 96 Punkte zugestanden. Eine Traumnote für ein so kleines Gewächs. Entsprechend teuer ist der Wein inzischen geworden. Die Flasche kostet zwischen 50 und 65 Euro.
Teuer? 65 Euro für einen Wein, der nahe an der Perfektion ist - das ist fast geschenkt! Für Bordeauxweine dieser Klasse werden normalerweise ganz andere Preise gezahlt. Der 2006 Chateau Latour, eines der berühmtesten Chateaux von Bordeaux und als „erstrangig“ eingestuft, ist ebenfalls mit 95 Punkten bewertet worden und kostet rund 550 Euro. Das ist fast das Zehnfache! Für eine Flasche Chateau Latour des großen Jahrgangs 2005 (96 Punkte) blättern betuchte Zeitgenossen gar 950 Euro hin. Der 2005er Jahrgang des kleinen Pontet-Canet steht dagegen mit bescheidenen 80 Euro in den Listen. Hinter seine 96 Punkte hat der begeisterte Parker sogar noch ein kleines + geschrieben. Das bedeutet: Er ist sogar noch eine Kleinigkeit besser als der Latour.
Die Schlussfolgerung aus dieser Gegenüberstellung ist eindeutig: Qualität hat wenig bis nichts mit dem Preis zu tun. Pontet-Canet bietet, wenn die Bewertungen richtig sind, mindestens ebenso viel Trinkvergnügen, wie der Latour, obwohl er wesentlich weniger kostet. Auf diese Paradoxie hat dieser Tage die Londoner Weinbörse Liv-Ex hingewiesen, die die Preisentwicklung der großen Weine dieser Welt verfolgt und in einer Kurve zusammenfasst, ähnlich wie der DAX die Aktienkurse der großen Unternehmen in Deutschland. Demzufolge müsste eigentlich der Pontet-Canet viel teurer oder der Latour viel billiger sein. Sind sie aber nicht. Und werden es auch in Zukunft nicht sein. Komisch. Oder auch nicht komisch. Eine Armani-Jeans kostet ja auch seit Jahren mehr als eine ebenso gut sitzende Jeans-Hose ohne Label, ohne dass einer das komisch findet.