
Ein Fall von Weltfremdheit erschüttert die deutsche Weinlandschaft. 14 Spitzenwinzer aus verschiedenen deutschen Weinregionen haben dem Verlag, in dem der Weinführer Gault Millau Deutschland erscheint, mitgeteilt, dass sie künftig keine Probeflaschen mehr für Verkostungen zur Verfügung stellen werden. Die Restauranttester des Gault Millau, so die Begründung, würden ja auch ihre Rechnungen selbst bezahlen.
Ich musste schlucken, als ich das las. Ein zwar nicht selbstverständlicher, aber guter Brauch, nämlich Weinflaschen für Verkostungen gratis zur Verfügung zu stellen, wurde überraschend aufgekündigt. Warum? Die Verweigerung war eine Reaktion auf einen Brief, den der Verlagsleiter des Christian Verlags, der den Gault Millau verlegt, an knapp 900 Winzer in ganz Deutschland geschickt hatte. Darin hatte er die Adressaten um einen „freiwilligen Beitrag“ für die Teilnahme an den Verkostungen gebeten, da diese durch die steigende Zahl von Weingütern, die in dem Führer berücksichtigt werden, immer kostspieliger würden. Im Gegenzug, so der Verlag, sollen die Weingüter offiziell mit den Bewertungen und Texten des Gault Millau für sich werben dürfen (ein Recht, das sich in der Vergangenheit viele genommen hatten, ohne dazu berechtigt zu sein). Dieses „Marketingpaket“ solle pro Weingut 195 Euro kosten.
Peanuts. Der weit weniger prestigeträchtige Weinwettbewerb Mundus Vini des Meininger Verlags verlangt von den Teilnehmern einen Unkostenbeitrag von 135 Euro - pro eingereichte Flasche! Der österreichische Falstaff-Führer stellt den Weingütern, die in ihrem Guide aufgeführt werden, pauschal 600 Euro für die Teilnahme in Rechnung. Einzelne Internet-Weinportale verlangen für die Vorstellung ihres „Wein des Monats“ von den Erzeugern ungeniert 250 Euro.
Um Geld kann es den 14 Rebellen also nicht gehen. Es geht ihnen ums Prinzip. Er wolle, begründete der Pfälzer Winzer Werner Knipser, einer der Verweigerer, nicht für eine Bewertung zahlen müssen. Entsprechend lautet denn auch der Wortlaut des Briefs seiner Mitstreiter an den Verlag: "Die Publikation einer Bewertung von Weingütern und Weinen, die durch einen, wie Sie schreiben "freiwilligen Beitrag" der am Wettbewerb teilnehmenden Weingüter mitfinanziert wird, halten wir für die positive Entwicklung unserer Weinkultur abträglich.“
Sicher, man kann der Meinung sein, dass die Bewertung von Weinen generell überflüssig ist. Man kann als Spitzenwinzer der Überzeugung sein, dass seine Weine über das Urteil von Testern, speziell des Gault Millau, erhaben sind. Warum sollte man sich dann am Verriss seiner Weine durch einen „freiwilligen Beitrag“ noch finanziell beteiligen. Klingt plausibel, ist aber weltfremd. Ein Weinführer vom Umfang eines Gault Millau lässt sich heute ohne Quersubventionierung nicht finanzieren. Bei zusammenbrechenden Anzeigenmärkten bleibt nur der Unkostenbeitrag – oder eine Preiserhöhung von 29,95 auf 39,95 Euro, was wiederum der Auflage abträglich wäre.
Dem Boykottaufruf der Rebellen haben sich klugerweise nur wenige Winzer angeschlossen. Mag ein großer Teil ebenfalls Vorbehalte gegen den Gault Millau haben: Die meisten wissen, dass dieser Weinführer für die Verbreitung des Interesses an deutschen Weinen mehr getan hat als die gesamten Werbemaßnahmen der deutschen Weinwirtschaft zusammen. An der bescheidenen Weinkultur, die in Deutschland in den letzten Jahren entstanden ist, hat der Gault Millau einen gehörigen Anteil. Er hat gezeigt, dass es nicht ausreicht, guten Wein zu erzeugen. Man muss Qualität auch kommunizieren können. Auch ins Ausland: Die englische Lizenzausgabe hat zweifellos zu den Exporterfolgen des hochwertigen deutschen Weins in den letzten Jahren maßgeblich beigetragen.
Jetzt, da die besten Winzer Stars geworden sind und endlich angemessene Preise für ihre Weine bekommen, fällt einigen von ihnen ein, dass sie auch ohne den Gault Millau gut leben können. Sie stoßen die Leiter weg, auf der sie nach oben gekommen sind. Abgehoben nennt man das wohl.
Natürlich geht es den 14 abtrünnigen Winzern nicht wirklich um die 195 Euro. Sie wollen aus Prinzip nicht in einem Weinführer erscheinen, der einen Unkostenbeitrag von den Weingütern erbittet. Aber ist es wirklich nur das Prinzip? Oder ist es nicht auch der seit Jahren schwelende Ärger über gewisse Stillosigkeiten und Fragwürdigkeiten des Gault Millau, der manche Winzer gegen den Weinführer aufgebracht hat? Da sind die dauerhaften Über- und Unterbewertungen gewisser Weine und Weingüter. Da ist eine gewisse Blindheit gegenüber der Dynamik, die in der Jungwinzerszene zu beobachten ist. Da fällt das etwas verkrampfte Bemühen auf, die Nähe großer ausländischer Weine, speziell französischer, zu suchen, um den Anspruch deutscher Spitzenweine auf Weltklasse zu begründen. Außerdem ist gelegentlich eine subtile ideologische Borniertheit zu spüren, was den Einsatz neuer önologischer Verfahren oder stilistische Eigenarten von Neuwinzern angeht.
Und dann ist da die Person Armin Diel, dessen Doppelrolle als Winzer und (eines der beiden) Herausgeber des Gault Millau vielen Kritikern seit Jahren ein Dorn im Auge ist. Sich von einem Kollegen bewerten lassen zu müssen, hat bei vielen Winzern ein ungutes Gefühl hinterlassen, zumal Diels Urteile nicht immer unumstritten waren. Er verzichtet zwar auf eine Bewertung seines eigenen Weinguts. Doch der dazugehörige Text lässt keinen Zweifel aufkommen, wo seine Weine stünden, wenn sie bewertet würden: nämlich ganz oben. Heute mag diese Einschätzung ja zutreffen. Aber vor zehn Jahren war sie peinlich.
Doch alle diese kleinen Makel und Krankheiten, unter denen der Gault Millau leidet – treffen sie nicht auch auf die anderen Publikationen zu, die sich mit deutschem Wein beschäftigen? Egal ob Print oder Online? Zeugen viele Weinnotizen, die durch die Presse geistern, nicht sehr viel mehr von eitler Selbstbespiegelung der Autoren als die des Gault Millau? Der hat sich in den letzten Jahren immerhin breit aufgestellt und beschäftigt bis zu 20 Verkoster – Diel und Joel Payne, der Co-Chefredakteur, verkosten längst nicht mehr alleine.
Diel ist inzwischen als Herausgeber zurückgetreten. Schade um einen verdienten Journalisten und sympathischen Kollegen. Ich hätte mir gewünscht, dass er das System Gault Millau gegen die Rebellen verteidigt und verbessert hätte. Dass er vor allem dem Wunsch der Rebellen entsprochen und sie in der nächsten, im November erscheinende Ausgabe des Gault Millau nicht mehr zu berücksichtigt hätte, um diesen eine Chance zu geben mit den Füßen auf den Boden zurückzukommen.